Der tragische Auftakt Finnischsprachiger Literatur ✒📖

Gestern waren wieder die Flaggen gehisst, denn vor 186 Jahren wurde der BegrĂŒnder des finnischen Schriftstellertums geboren!

Die Literaturszene der finnischen Sprache brauchte eine lange Vorlaufzeit zum Aufstieg. Bis auf Volksdichtungen, wie die Grundlagen des Kalevala Epos, die bis in die Eisenzeit (500-332 v.Chr.) zurĂŒckgehen, war die finnische Literaturlandschaft karg. Dies ging mit der Jahrhundertelangen schwedischen Herrschaft einher. Der Elitarismus der schwedischen Sprache und Kultur hatte den Effekt, dass Werke, die sich ernst nahmen, in der Sprache der (schwedischen) Krone verfasst waren. Finnischsprachige Prosa (insbesondere Belletristik) wurde weitgehend abgelehnt. Die Berufsbezeichnung „Finnischer Schriftsteller“ war schlicht nicht existent.

Erst durch die Geburt eines Herren Aleksis Stenvall am 10.10.1834 sollte sich daran etwas Àndern. Aleksis, der sich selbst Alexis schrieb, war einer der nur sieben Jungen seiner Generation, die aus seinem Dorf in NurmijÀrvi (30min. nördlich von Helsinki) zur Schule geschickt worden sind. Von jenen war er der einzige Nicht-Adelige. SpÀter verfolgte er ein Theologiestudium, um auf Wunsch seiner Mutter Priester zu werden.

Alexis Kivi’s restauriertes Geburtshaus in Palojoki, NurmijĂ€rvi, Finnland. (Google Maps)
Photo: Susanna Kovanen auf http://www.nurmijarvi.fi/aleksis-kivi/elama-ja-persoona/

WÀhrend seiner Studien in Helsinki freundete Alexis sich mit Verfechtern der finnischen Sprache an; unter anderem mit JV Snellman, welcher spÀter als Senator durch das persönliche Vorsprechen beim König zur Anerkennung von Finnisch als Amtssprache nach 1863 beitrug.
(FĂŒr die Perspektive: das heutige Finnland wurde im Rahmen der Nordischen KreuzzĂŒge im 13. Jahrhundert von Schweden erobert. Die seit jeher gesprochene Landessprache Finnisch wurde somit erst 500-600 Jahre nach der Eroberung als Amtssprache wieder anerkannt.)

Ära der finnischen Sprache

Mit diesen EinflĂŒssen gab Alexis die Priesterbestrebungen mit 23 Jahren auf und beschloss, seiner eigentlichen Passion zu folgen und Schriftsteller zu werden. Er schrieb ausschließlich in finnischer Sprache und ver-finnisch-te seinen Nachnamen Stenvall (dt.: Steinvall) zum Autorenpseudonym „Kivi“ (dt.: Stein). Im Laufe seiner Karriere schrieb Alexis Kivi 11 TheatherstĂŒcke, und veröffentlichte zwei GedichtsbĂ€nde und einige Geschichten. Sein einziger Roman „Die sieben BrĂŒder“ (fi.: SeitsemĂ€n VeljestĂ€) ist neben dem StĂŒck „Die Heideschuster“ (fi.: Nummisuutarit) das bekannteste seiner Werke.

Von Alexis Kivi gibt es zu Lebzeiten weder Portraits noch erhaltene Fotografien. Ernst Albert Forsell fertigte lediglich vier Tage nach Kivis Tod ein Portrait am offenstehenden Sarg an. Jenes diente als Referenz fĂŒr weitere Statuen und GemĂ€lde wie dieses.
Quelle: viisitahtea.com/juoma/kansalliskirjailijamme-oluen-viinin-ja-nakaraisten-pauloissa-elavia-tarinoita-kuolleiden-kirjailjoiden-tuotannosta/

Da Alexis Kivi keiner anderen TĂ€tigkeit außer dem Schreiben nachging, war er der erste Berufsschriftsteller der finnischen Sprache. Dies verschaffte ihm zahlreiche UnterstĂŒtzer aus finnischen Reihen und einen Rang als Revolutionist. Das Fehlen eines regulĂ€ren Einkommens leitete Kivi jedoch nach und nach trotz finanzieller Hilfen durch seinen Vater und anderer UnterstĂŒtzer in eine Schuldenspirale und schließlich in die Armut. Vor Schuldenbriefen soll er einen derartigen Graus gehabt haben, dass er ihm zugestellte Kuverts ungeöffnet verbrannte. Briefe an Freunde aus dieser Zeit handelten ĂŒberwiegend von Sorgen ĂŒber Geld, Wohnort und Gesundheit.

Von Kritikern verhasster Roman

Alexis Kivi hatte zu seinen spĂ€teren Lebzeiten („spĂ€ter“ relativ zu seinem Ableben mit 38 Jahren) den Ruf als exzessiver Alkoholiker. In internationalen Überlieferungen heißt es, Alexis Kivis Alkoholismus wurde wohl von der vernichtenden Kritik an seinem Roman in den Exzess getrieben. Der prominente Kritiker Augustus Ahlqvist schrieb ĂŒber „Die sieben BrĂŒder“:

 â€žEs ist eine lĂ€cherliche Arbeit und ein Schandfleck der finnischen Literatur“

Kritiker Augustus Ahlqvist 1870

Ahlqist war bekannt fĂŒr seine persönliche, leidenschaftliche Abneigung gegen Kivi. Sogar noch 2 Jahre nach Kivi’s Tod veröffentlichte Alquist ein höhnisches Gedicht ĂŒber Kivi, das ihn als „inkompetenten FĂ€rber“ und „verrĂŒckten Alkoholiker“ beschimpfte. Doch auch andere finniphile Kritiker nahmen das Werk nicht lobend auf. Hauptkritikpunkt war die „ungehobelte“ und „unromantische“ Darstellung des finnischen Landlebens. Diese Kritik wird heute vor allem dem damaligen Zeitgeist, der Romantik, zu Schulde geschrieben, in welchem Realismus literarisch nicht attraktiv war.

Originalkritik auf schwedisch von August Ahlqvist ĂŒber Alexis Kivi’s „Die sieben BrĂŒder“.
Foto: Historische Zeitungsbibliothek / Nationalbibliothek: Finnland AlmÀnna Tidning 20.05.1870,
von http://www.seitsemanveljesta150.fi

In seinen letzten Lebensjahren litt Alexis Kivi unter was heute als „klassischer Fall von Schizophrenie“ diagnostiziert wird. Als Kivi sich in eine psychiatrische Anstalt einwiesen ließ, wurde jedoch die fragwĂŒrdige Diagnose „Melancholie aufgrund eines gebrochenen Schriftsteller-Egos“ gestellt. Kivi starb am 31.12.1872 in einem Haus am Land. Der Legende nach sollen seine letzten Worte „MinĂ€ elĂ€n“ („Ich lebe“ oder auch „Ich werde leben“) gewesen sein.

Kranzband mit Aufschrift „MinĂ€ elĂ€n“ („Ich lebe“ oder auch „Ich werde leben“), Alexis Kivis berĂŒhmte letzte Worte.
Darunter: „An einen großen Mann aus SĂŒdfinnland“
Darunter: „SĂŒdfinnischer Studentenverein 10.10.2020“

Kivi’sche Renaissance

Erst in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts stieg Alexis Kivis als Nationalheld auf. Eino Leino, ein Pionier finnischer Poesie des 20. Jahrhunderts, der ĂŒbrigens seinen eigenen Flaggentag besitzt, war mitverantwortlich fĂŒr ein Comeback von Alexis Kivis Werken. Zu Ehren des verkannten, ersten Berufsschriftstellers der finnischer Sprache, wurde an Kivi’s 105. Geburtstag, den 10.10.1939, eine Bronzestatue vor dem finnischen Nationaltheather eröffnet. Der Alexis Kiven PĂ€ivĂ€ (Alexis Kivi Tag) ist gleichzeitig ein Flaggentag und der „Tag der finnischen Literatur“.

Alexis Kivi Memorial vor dem Finnischen Nationaltheater in Helsinki,
mit niedergelegten KrĂ€nzen zum Alexis Kivi Tag – 10.10.2020
(Google Maps)

Der berĂŒhmte finnische Komponist Johan („Jean“) Sibelius komponierte ĂŒber dies hinaus mehrere Werke auf Grundlage von Alexis Kivi’s Gedichten und nutzte diese als Liedtext fĂŒr den Chor. Hier das Lied „MetsĂ€miehen Laulu“ („Lied eines Försters“):

„MetsĂ€miehen Laulu“ („Lied eines Försters“).
Musik: Jean Sibelius.
Text: Alexis Kivi.

Um den Alexis Kiven PĂ€ivĂ€ (Alexis Kivi Tag) zu ehren, habe ich mir gestern noch die Ausgabe der „SeitsemĂ€n VeljestĂ€“ („Sieben BrĂŒder“) in vereinfachtem Finnisch in der Hauptbibliothek reserviert. Ich bin schon sehr gespannt auf die „unromantische“ Darstellung des finnischen Landlebens des 19. Jahrhunderts. 😊 Hoffentlich ist das vereinfachte Finnisch einfach genug fĂŒr mich! 😅

Ich hoffe, ihr fandet den Artikel zum Tag der finnischen Literatur spannend und konntet etwas mitnehmen! Danke fĂŒrs Lesen! Bis bald, Eure Nadine ❀

Quellen:
www.nurmijarvi.fi/aleksis-kivi/elama-ja-persoona/,
fi.wikipedia.org/wiki/Aleksis_Kivi,
fi.wikipedia.org/wiki/J._V._Snellman,
en.wikipedia.org/wiki/Finland_under_Swedish_rule,
www.seitsemanveljesta150.fi/august-ahlqvistin-seitseman-veljesta-murskakritiikin-julkaisusta-tasan-150-vuotta/

Ein Kommentar

  1. Ein sehr interessanter Beitrag! Ich mache gerade mein Abitur und wĂŒrde danach gern auf Literaturreise durch Europa gehen, weshalb ich es umso spannender finde, ĂŒber europĂ€ische Literaturgeschichte zu lesen. Finnland steht auf jeden Fall auf meiner Reiseliste und ich freue mich schon sehr darauf, dieses tolle Land zu entdecken 🙂

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