Midsommer am Meer 🌼🌅💛

Mein erster finnischer Midsommer, so wie sich’s gehört mit Familie im Mökki.

Wer schon mal von Midsommer gehört hat, wenn auch nur in den IKEA Werbungen, der hat eine leise Ahnung, dass der Mitt-Sommer ein großes Ding in den nordischen Ländern ist. Wer nordische Kultur erleben und extra zu diesem Feiertag in eine der Hauptstädte reist, wird allerdings enttäuscht sein. Denn der Juhannus, der längste Tag im Jahr, fängt mit Verkehrsstau stadtauswärts an.

Wir sitzen gerade im Bus Richtung Lahti. Es fahren gleich zwei Busse hintereinander, um die Massen aus der Stadt zu hieven. Am Autobahnrand wuchern violett strahlende Lupinien. Gleich dahinter blitzen weiße Birkenstämme durch das dichte Frischlaub. Ab und zu platzen grau-rote Felsbrocken durch die dünne Humusschicht. Unser Busfahrer telefoniert lauthals mit dem vor uns. Er wird scheinbar gewarnt, dass Stau voraus ist, also fliehen wir auf eine kleinere Straße neben der Autobahn. Wir haben Glück gehabt und überholen dadurch unseren Zwillingsbus, den wir durch die Bäume hindurch auf der Autobahn stehen sehen.

Juhannus verbringt man mit der Familie, vorzugsweise in der Natur im Mökki (Sommerhütte, mehr dazu in meiner  „Mökkilife“-Serie). Die Städte sind wie leer gefegt.

Ein Seevogel am Mökki-Strand. Wir hatten wunderbares Wetter.

Midsommer Traditionen

An Juhannus gibt es ein paar Dinge, die traditionell dazugehören. Ganz oben am Programm steht natürlich der Alkohol, wodurch es zu Juhannus zu legendären Ausschweifungen kommt.

Ein frischer Meereswind weht am Abend am Sandstrand des Mökkis. In einem Steinkreis knistert ein neon-orangenes Lagerfeuer. Wir grillen Makkara, finnische Würstchen, auf selbstgemachten Holzstielen (mehr dazu in meiner „Mökkilife“-Serie) und I. erzählt Geschichten aus der Bucht. Er ist hier aufgewachsen, und jede der vielen nahegelegenen Inseln hat ihre eigenen G’schichtln. An einem Juhannus-fest vor vielen Jahren war zwei betrunkenen Männern das Mökki etwas zu herkömmlich. Also ruderten sie zum nächstbesten aus dem Wasser ragenden Felsen, stellten dort einen Tisch und zwei Sessel auf und genossen ihr Bier und Kartenspiel einfach dort. Vom Festland aus sah es aus als würden sie auf dem Wasser schweben. In einem anderen Jahr ist drei Männern auf der anderen Seite der Bucht das Bier ausgegangen. Das Motorboot, das sie zum nächsten Hafenlokal hätte bringen können, hatte aber nur Platz für zwei. Der Dritte reiste während des 2-Stunden-Trips einfach auf seinen Wasserskiern mit, betrunken, aber unbeschadet.

Auf einer der gegenüberliegenden Insel leuchtet ein großes Licht auf. Sonnenwendfeuer waren wegen der Trockenheit heuer verboten. Zumindest auf unserer Seite. Wir starren auf das entfernte Glimmen.

Was zur Mitte des Sommers noch dazugehört, ist ein echter Grillschmaus – und das täglich.

Jeden Tag zu Mittag sitzt E. im Grillhäuschen und bruzelt Fleisch, Pilze und Gemüse auf einem schwarzen Rost über offenem Feuer. Er weiß immer genau, wie groß das nächste Birkenholz-Scheiterl sein muss, damit die Flammen nicht ganz hoch bis zum Rost klettern, aber die Wärme kontant bleibt. Das Radio spielt finnische 60er Jahre Musik; finnischen Tango, wie ich erfahre als E’s Eltern auf der Terasse Tango zu tanzen beginnen. 💃🕺

Für die ganze Grillerei und die Sauna muss genug Feuerholz da sein, das wir frisch hacken.

Ja, jeden Abend geht es natürlich in die Sauna, so wie sonst auch immer. Zu Juhannus gibt es aber noch eine Besonderheit: Wir binden Bündel aus jungen Birkenzweigen, die wir im Wald sammeln.

Die Blätter sind feinhaarig und samtig wie Pfirsichhaut. I. zeigt mir wie man sie richtig zusammenbindet, aber so toll wie er bekomme ich’s leider nicht hin. 😅

In der Sauna taucht man das Birken-Bündel in warmes Wasser und „peitscht“ es auf die Haut. Das fördert die Durchblutung, duftet gut und hinterlässt einen Dreckstall, in dem man Birkenblätterfetzen überall am Boden, an der Wand und der Decke kleben hat. Nach unserem Saunagang sieht es aus als hätte ein Jahrhundertsturm gefegt. Aber kein Problem. Über Nacht trocknen die Blätter aus wie Herbstlaub und man kann sie ganz einfach von überall abfegen.

Über das Wochenende war es wunderschön heiß und das Meer war ruhig, sodass wir mit dem Kanu auf eine der unbewohnten Inseln fahren konnten.

Raus aus der Bucht
Gestrandet: diese spiegelglatten Felsen wurden in der Eiszeit vom Gletscher, der ganz Finnland bedeckte, geschliffen.

Der Sonntag war schneller da, als uns allen lieb war. Aber das Mökki ist an einem anderen Wochenende ja auch noch da. Besser hätte mein erster Juhannus nicht sein können. ❤🌅

Abendrot um 23:00 abends in der Mittsommersnacht.

Am Heimweg ist der zweistöckige Onni-Bus wieder voll. Wir kommen einen anderen Weg zurück, da wir diesmal nicht über Lahti fahren. Was mir an der Landschaft zwischen Kotka und Helsinki gefällt, ist dass die Natur recht unbewirtschaftet aussieht. Weite Graslandschaften sind ungestutzt, Sträucher dürfen in alle Richtungen wuchern und Birken und Pinien wachsen in sämtliche Höhen nebeneinander. Ich halte Ausschau nach den punaisia kiviä, den roten Steinen. Entlang der Autobahn liegen viele Felsbrocken. Manche davon hat ein Künstler rot bemalt. Wer’s war weiß niemand. Warum, weiß auch keiner. Aber jetzt sind sie halt da. So wie ich. Ich bin auch plötzlich hier, in Finnland, und feiere Juhannus mit der finnischen Familie. Daran werde ich mich noch sehr lange mit Freude zurückerinnern. Heute Abend werd’ich noch eine Runde laufen gehen, den Juhannusspeck wieder loswerden. 😂

Hyvää Juhannusta 2020 kaikki! 🎆

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.