Überarbeitet: Das Stigma der Finnischen Stille

Finnen behaupten über Finnen, sie wären still und verschroben. Ist es ein Stereotyp oder Stigma?

Selbstironie oder doch echte Kommunikationsprobleme?

Die finnische Verschwiegenheit ist legendär. Sämtliche Reiseführer, Blogs, Memes und Comics adressieren die Introvertiertheit und Stille der Finnen. Von meinen finnischen Kollegen und Freunden höre ich oft, wie verschroben, antisozial und Menschenmengenscheu ihre Volksleute, und sie selbst, nicht wären und was für ein Graus Smalltalk sei und wie Finnen überhaupt viel, viel lieber alleine sind als unter anderen. Dabei lachen sie immer sehr amüsiert und bringen mehr und mehr Witze darüber. Nebengespräche lösen sich schnell auf, denn jede/r möchte mitreden. Manche fangen nebenbei an, online nach dem passenden Comic oder Meme zu suchen, und wenn sie es gefunden haben, will es jede/r sehen und alle lachen darüber und sagen: „Das ist wirklich wahr!“.

Einer der vielen Comics über die Smalltalk-Aversie der Finnen.
Quelle: Polandball on Reddit

Ich habe erfahren, dass die „finnischen Verschwiegenheit“ in Beziehungen tatsächlich ein Problem ist. Hörensagen nach ist die „Fähigkeit zu Kommunizieren“ eine Top-Priorität bei der Partnersuche, vor allem bei Frauen. Und Paare dürften nicht selten aufgrund eben jener Kommunikationsarmut Paartherapien besuchen. Dies spiegelt sich auch in den Ehestatistiken wieder. Seit 2010 verzeichnet Statistics Finland einen starken Rückgang von Neu-Eheschließungen, während die Anzahl an Scheidungen konstant bleibt. Eine Scheidungsrate von 55.6% (2016) spricht für sich.

Zum Thema „Nur das Notwendigste sagen“ haben mich meine Arbeitskollegen in der ersten Woche mit folgendem Witz aufgeklärt:

Ein altes finnisches Ehepaar sitzt beim Kamin. Die Frau senkt die Stricknadeln in den Schoß und wird nachdenklich. Sie fragt ihren Mann: „Wieso hast du mir in all den Jahren, in denen wir verheiratet waren, eigentlich nie gesagt, dass du mich liebst?“
Der Mann zuckt mit den Schultern und antwortet: „Ich hab’s dir bei unserer Hochzeit gesagt und dachte, falls sich was ändert, informier ich dich.“

Ein Witz über die Kommunikationsarmut von Finnen

Doch jetzt mal ehrlich. Die Scheidungsraten sind doch in vielen anderen westlichen Ländern auch so hoch. Und fängt nicht jeder grünschnäblige Möchtegern-Comedian mit Witzen über die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Mann und Frau an?

📌 Meine Beobachtungen liefern ambivalentes Verhalten

(Achtung Klischees! Natürlich ist unter keinen Unständen jeder Finne/jede Finnin gleich. Ich rede hier eher von einem roten Faden, der sich durch die Mitglieder der Gesellschaft zieht. Diese Eigenschaften sind bei jedem/r unterschiedlich stark (auch bis gar nicht) ausgeprägt, so wie das bei einer gemeinsamen Kultur halt ist.)

In der Kommunikation mit Finnen sind mir folgende Dinge aufgefallen:

🤐 Finnen reden darüber, wie verschwiegen und schlecht in Kommunikation sie sind, erzählen einem aber im selben Atemzug voller Leuchten alles über die finnische Kultur, Bräuche, wie es ist, in Finnland aufzuwachsen, die Rolle Finnlands im zweiten Weltkrieg, die finnische Identitätsfindung und so weiter – wenn man die richtigen Fragen stellt!

👀💬 Finnen sagen von sich, sie sind schlecht in Smalltalk. Das hängt eigentlich stark von der Person ab und wie hoch die Sprachbarriere ist. Ein „Wie geht’s?“ kann schon mal mit einem „gut.“, gefolgt von einer Schweigeminute abgewürgt werden. Oder in einem Erguss von Erzählungen und Gefühlslagen enden. 😅 Mein Tipp: Flexibel bleiben im Smalltalk und bereit sein für eine unerwartete Transformation zum Bigtalk. Mit Oberflächlichkeit kann man sowieso keine echten Beziehungen aufbauen.

🇦🇹🇩🇪 Finnen sprechen Deutsch. Wirklich viele Finn*innen, die ich treffe, haben entweder Deutsch in der Schule gelernt oder haben für eine gewisse Zeit in Deutschland (manchmal sogar Österreich oder Schweiz) gelebt. Die meisten zeigen dann auch gleich, was sie noch können. 😍 Ich finde, Finnen haben einen richtig süßen deutschen Akzent. Und viele kennen wirklich lustige Wörter und Sprüche! Von „die Hölle ist los“ über „Verschlimmbessern“ bis hin zu „Eichhörnchen“ habe ich schon so einiges gehört. 😄

😳 Finnen behaupten so viele unschmeichelhafte Sachen von sich und tun das nicht einmal, um Komplimente zu erzwingen. Im Gegenteil prallen lieb gemeinte Komplimente oft ab wie ein Fußball an der Torstange. Es ist, als wäre Bescheidenheit eine nationale Tugend. Vielleicht ist es auch eher eine Bürde. Wie für ein wildes Tier, das dem geschenkten Leckerli nicht traut. „Das war doch gar nichts Besonderes.“ 🤔 höre ich dann manchmal. Ich finde diese selbstverständliche Bescheidenheit ja herzig. Es tut mir aber auch ein bisschen Leid, wenn jemand kein Lob annehmen kann.

Ich habe mit anderen Expats und Austauschstudenten jedoch gemeinschftlich festgestellt, dass Finnen im Allgemeinen sehr liebe Menschen sind. Sie zeigen ihre Herzlichkeit lediglich nicht mit Überschwänglichkeit, falschem Lächeln oder erlernten Höfichkeitsfloskeln. Der Stereotyp „stiller Finne“ ist natürlich nicht rein aus der Luft gegriffen. Ich denke, im Allgemeinen sind Finnen stiller als ich es aus Österreich oder Deutschland kenne. Aber dass der Grund für die Stille schiere Verschrobenheit ist, sehe ich eher als Stigma. ist meiner Erfahrung und Meinung nach Missinterpretation von einem Mix aus Bescheidenheit, Sprachbarriere und Aufrichtigkeit.

Okay.

Okay ist meiner Meinung nach das Lieblingswort der Finnen und ich beginne, das Wort okay nicht mehr okay zu finden. 😂

Wie war dein Tag? Okay. Hast du gut geschlafen? Ich habe okay geschlafen. Wie war der Kuchen? Das Bier? Das Restaurant? Ja, war okay. Magst du das Spiel? Es ist okay.

Absolute Neutralität. Ich kann die Meinung einfach nicht herauslesen 😵

Bei der Überbeanspruchung des Wortes „okay“ in neutraler Tonlage machen selbst meine sozialen Kompetenzen Halt. Ich musste zuerst einmal über das österreichische „okay“ hinauswachsen, das meistens eigentlich als „nicht ganz in Ordnung (aber auch nicht furchtbar)“ verwendet wird. So wurde mein selbstgebackener Schokoladenkuchen letztens mit „Danke für den Kuchen. Er war okay“ bewertet. ⁉️😵

Natürlich hat mich das nicht beleidigt! 😄 Ich bin schließlich keine Meisterbäckerin. Überrascht war ich aber schon. Ich frage gerne nach „Was hätte der Tag/der Kuchen/das Bier/der Schlaf/wasauchimmer gebraucht, um gut zu sein?“ Was kriege ich zur Antwort?

„Ich weiß nicht. Es war eh okay.“

⁉️😵 … Ich denke, ich muss akzeptieren, dass allermeistens okay bedeutet, dass es gut genug war. Oder eben nicht schlecht genug, um erwähnenswert zu sein. Der Tag ist gelebt, der Kuchen gegessen, das Bier getrunken. Was nützt es noch, sich damit aufzuhalten und es im Nachhinein zu bewerten? Vorwärts geht’s. Worauf hast du als nächtes Lust?

Dieser Hang zur Unübertriebenheit und Bodenständigkeit. Das macht Finnen herzig.☺️ In diesem Sinne: okay-e Nacht und träumt okay 😘

Bis bald, Eure Nadine

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