Überarbeitet mit vielen neuen Bildern: Hüttengaudi in Hyytiälä 💻🧠💥

Der traditionelle Pilgerort für Naturwissenschaften in Finnland, der finnische Forscher an die Spitze der Weltrangliste befördert hat und Dummheit als etwas Gutes sieht.

Hüü-ti-älä

Gefühlt kein anderes finnisches Wort habe ich so oft wiederholt 😆

Die Hyytiälä Messstation (Google Maps) ist der Pilgerort für Wald- und Atmosphärenwissenschafter. Neben verpflichtenden Kursen für bestimmte Studiengänge, die teilweise den ganzen Sommer hier verbringen, gibt es auch Tagungen oder Intensivkurse, für die auch Leute aus dem Ausland anreisen.

Die Station wurde 1995 eröffnet und ist die zweite Station des SMEAR Messstations-Netzwerks, das insgesamt 4 Stationen in Finnland umfasst. Hier werden verschiedenste Atmosphären- und Wettermessungen in sämtlichen Höhen und Biosphären (Wald, Lichtung, Sumpf, etc.) vorgenommen. Im Forschungswald ist jeder Baum markiert, verkabelt oder hat sonstige seltsame Apparate an sich. Im Boden stecken unendlich viele Sonden und Markierer. Ich traue mich wirklich nur von den Holzpfaden steigen, wenn ich mir sicher bin, wo ich hintreten darf. 😅

Ja nicht daneben steigen! In Messwald will man wirklich nichts kaputt machen! 😰


Rund um diesem Ort tummeln sich viele namhafte Größen der Klima- und Waldwissenschaften. Der Gründer der Station und Leiter des zuständigen Instiuts war 2020 zum siebten Mal in Folge der meistzitierte Geowissenschafter der Welt. Er ist jedes Jahr zum Unabhängigkeitstag im Präsidentenpalast eingeladen. Mehrere Wissenschafter rund um diese Station haben im Laufe der Jahre Orden für ihre wissenschaftlichen Dienste verliehen bekommen, unter anderem den Orden der weißen Rose und den Orden des Löwen.

Der Messturm ist der besondere Stolz der SMEAR II Messstation in Hyytiälä.
Er ist 125 Meter hoch und misst meteorologische, atmosphärische und biologische Parameter.

Intensiv ist untertrieben.

Die Intensivkurse sind, aus eigener Erfahrung, tatsächlich überaus intensiv. Sie dienen dazu, Masterstudenten und Doktoratsfrischlingen beizubringen, was es heißt, Wissenschafter*in zu sein. In Gruppen mit vorgegebenen Forschungsfragen darf man Hände an die echten Messdaten anlegen und bekommt praktisch rund um die Uhr Hilfe von 3 gruppeneigenen Tutoren. Dabei handelt es sich tatsächlich um neue Forschungsfragen, auf die man die Antwort noch nicht kennt. Die Tutoren sind daran interessiert, ihre Gruppen zu echten Ergebnissen zu führen. Denn diese Ergebnisse dürfen und sollen sie sogar als etwaige Grundlage für weitere Forschungen und Publikationen nutzen. Das Format ist fantastisch!

Der tägliche Gang zum Vorlesungssaal im Herbstnebel.

Allerdings hat der Druck der echten Ergebnisse den Nebeneffekt, dass viel Konkurrenz unter den Studenten entsteht. Bei 12 Stunden Programm pro Tag, inklusive Wochenends, plus die Stunden, die man in die Nacht hineinarbeitet, um die eigene Unfähigkeit auszugleichen, explodieren einigen die Gemüter. Der Kurs hat den Ruf, harte Schule zu sein.

Haben extreme Regenfälle (rote und blaue Ausschläge) einen negativen Einfluss auf das Baumwachstum (grün) in Hyytiälä?
Ich meinte Ja und konnte es für die Monate Juni-August eindeutig zeigen.

Der Leiter des Instiuts hat am Ende eine sehr schöne Rede gehalten, die ich mir auf ewig im Kopf behalten werde. Die Grundbotschaft war: „Wenn du ein Wissenschafter sein willst, dann sei dumm.“ Ich übertreibe nicht. Der Name des Vortrags war „Die Wissenschaft der Dummheit“. Es ging darum, dass man in der Wissenschaft Fragen erforscht, die noch niemand beantwortet hat. Deshalb ist man in diesem Belangen dumm. Und das darf man auch sein. Man darf dumme Fragen stellen, dumme Fehler machen und sich niemals schämen für seine Dummheit, denn es braucht Menschen, die mutig genug sind, dumm zu sein, um neues Wissen zu erschaffen. Nach den zwei Wochen hat sich jede/r in diesem Kurs mindestens ein Mal inadäquat, inkompetent oder schlicht nicht schlau genug gefühlt, um den Platz unter diesen Rängen überhaupt zu verdienen. Doch wenn am Ende dieses Kampfes mit Selbstzweifel einer der weltweit erfolgreichsten Geowissenschafter vor einem steht und erzählt, wie seine Doktoratsarbeit, die der Startschuss zu all seinem Erfolg war, als „nichtsnutzig“ bezeichnet wurde, hat man wieder Mut.

Die schöne Herbstzeit genießen

Die Tutoren, Professoren und Mitstudenten schauen drauf, dass man regelmäßig an die Luft geht. Man kann sich dagegen wehren, wenn man wirklich weiterarbeiten will, sollte man aber nicht. Dann würde man doch all die schönen Spaziergänge in den Wäldern um den See verpassen!

Es gibt mehrere Stege in den See. Das ist wohl eher was für den Sommer.
Die Lärchen legen sich schlafen
Gefrorener Tau an Spinnnetzfäden

In Hyytiälä ist man nicht hungrig.

Bei 3 Hauptmahlzeiten + Kuchenjause und Selbstbedienung am Kühlschrank nach 8 Uhr abends bleibt kein Magen leer. Abends sind Bier und Sauna Pflicht! Hier kann man die Anspannungen vom Tag abschütteln.

Zwischen den Saunagängen geht’s über den gefrorenen Steg in den antrazith-farbenen See. Für die, die nen Frostschock bekommen, liegt auch schon ein Rettungsring bereit. 😉

Ein weiteres Hightlight gab es noch: An einem Sonntag hatten wir frei und wir konnten zwischen verschiedenen Tagesausflügen wählen. Ich war auf eigene Faust in der faszinierenden Stadt Tampere unterwegs! Hier geht’s zum Post über meinen Tagesausflug in Tampere >>>

Am letzten Abend gab es ein sehr gutes Dinner in der alten Holzvilla. Alles in allem war es eine unheimlich wertvolle Erfahrung, in der ich auch viel technisches gelernt habe. Nach meiner Heimkehr brauchte ich ein paar Tage, um den Stress wieder abzuschütteln. Aber ich kann sagen, es war es wert.

Zum letzten Abend ein 3-Gänge Dinner im alten Speisesaal.

Zusätzliche Quellen:
https://yle.fi/uutiset/3-9853620
https://www.atm.helsinki.fi/SMEAR/index.php

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